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Die Kunst des Nichtstuns


Im Gespräch mit Eugen Blume
über John Knights Kunstwerk The Right to be Lazy


von Ananda Siml

 


Die Muße haben, nichts zu tun – was in der Antike als erstrebenswertes Ideal galt, wurde mit dem Erstarken des Christentums zur Todsünde, Acedia. Das Motto der benediktinischen Klöster Ora et labora (dt. bete und arbeite) scheint heute immer noch zu wirken, allerdings mit einer kleinen Kürzung: Ora et labora, arbeite!
Mit der Moderne bekam das Faulsein, das Nichtstun und die (Arbeits-)Verweigerung einen neuen Charakter. Als Gegenentwurf zur gewinnorientierten und prozessbeschleunigten Gesellschaft wurde das Nichtstun vor allem in den bildenden Künsten zur produktiven und kritischen Geste. In diesem Rahmen bewegt sich auch das amorphe Kunstwerk von John Knight (*1945), ein Rondell mit wildwachsenden Pflanzen vor dem Eingang des Hamburger Bahnhofs – Museum für Gegenwart – Berlin.
Mit dem Titel The Right to be Lazy (dt. Das Recht auf Faulheit) zitiert der Künstler Paul Lafargues (1842-1911) gleichnamiges Manifest aus dem Jahr 1880, eine Kritik am industriellen Kapitalismus und der rasenden Arbeitssucht. Einen Ausweg aus diesem Elend biete die Faulheit.


Abb. 1: Hamburger Bahnhof Berlin, Foto © Ananda Siml

Abb. 1: Hamburger Bahnhof Berlin, Foto © Ananda Siml



Eugen Blume, ehemaliger Leiter des Hamburger Bahnhofs, kaufte die Installation im Jahr 2008 für das Museum an, woraufhin er etliche Beschwerdebriefe erhielt. In diesen wurde anklagend gefragt, warum er dieses Ödland zulasse und ob der Hamburger Bahnhof sich denn keinen Gärtner leisten könne.
In der aktuellen Situation der Corona-Pandemie, in der wir „abwarten und Tee trinken” sowie mit Handlungs- und Freiheitsbeschränkungen konfrontiert werden, steht die Kunst des Nichtstuns in einem neuen Licht. Müßiggang und Arbeitsniederlegung sind keine kritischen Gesten mehr, sondern für viele Menschen per Gesetz verordnet. Knights Installation steht plötzlich unter neuen Vorzeichen. Der folgende Gedankenaustausch mit Eugen Blume fand am 24. Mai 2020 per Schriftverkehr statt. Er handelt von der Rezeption des ortsgebundenen Kunstwerks im Kontext aktueller Entwicklungen.



Ananda Siml: Als ich heute mit dem Fahrrad am Hamburger Bahnhof vorbeigefahren bin, konnte ich einen Blick auf die Installation The Right to be Lazy von John Knight werfen. Allerdings nur vom Zaun aus, da der Zutritt zum Museum noch nicht wieder gestattet ist. Dennoch konnte ich einen Gärtner bei seiner Arbeit beobachten – er war gerade dabei, das ungestüme Gestrüpp und die jungen Bäumchen in dem Rondell von Knight vor den Stufen des Museums zu bewässern. Vor welchem Hintergrund und unter welchen Bedingungen ist diese orts- und zeitbezogene Landschaftsinstallation entstanden?



Eugen Blume: Die Idee ist, ein beliebiges Stück kultivierter Natur auszuwählen und der vom Menschen gegebenen Ordnung die „Willkür” der Natur entgegenzusetzen. Das Museum erwirbt das Konzept und bestimmt gemeinsam mit dem Künstler den Ort. John Knight hat damals das Rondell gefunden, das ursprünglich der Ort eines Denkmals für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Eisenbahner war (die Skulptur wurde 1995 abgebaut und befindet sich heute in der Zitadelle Spandau). Der Architekt des Umbaus, Josef Paul Kleihues, wollte einen Brunnen installieren, was nicht stattfand, stattdessen dieses piefige Gartenrondell. Knight hat ihm seine Freiheit zurückgegeben. Die Bedingung war, dass die Buchsbaumhecke sowie die rund geschnittenen Buchsbaumkugeln erhalten bleiben und gepflegt werden, während alles andere auf ewig wächst, wie es will. Es ist auch erlaubt, Samen einzustreuen, es darf nur nicht selektiv mit der Gartenschere oder ähnlichem eingegriffen werden.



AS: In einer anderen Umgebung wären die wildwachsenden Pflanzen einfach nur ein Stück Wiese, umgeben von noch mehr Wiese und vielleicht ein paar Bäumen. Welche Rolle spielt der Ort für das Werk?



EB: Natürlich muss das Werk sichtbar werden, inmitten der Natur würde man nichts wahrnehmen. Die Provokation ist, gerade dort uneingeschränktes Naturleben zuzulassen, wo es fast nur noch künstliche Umgebung gibt: gepflasterte Höfe, Betonfläche, angelegte Gärten. Das Rondell, in seiner Ästhetik des Barock oder der Renaissance, fordert geradezu beschnittene Pflanzen und Blumenbeete. Der Wildwuchs ist eine sichtbare Irritation, die immer wieder Besucher veranlasst, die Museumsleitung zu fragen, ob sie kein Geld für einen Gärtner haben. Je künstlicher der Ort, umso größer die Provokation.



AS: Wenn aber der angestellte Gärtner vom Hamburger Bahnhof dafür sorgt, dass das Werk erhalten bleibt, gedeiht und sprießt, ist das dann nicht eine Kultivierung, ein Eingriff und somit eben wieder entgegen der Natur des Gewährenlassens?



EB: Eigentlich pflegt der Hausmeister des Hamburger Bahnhofs nur die Buchsbäume, alles andere muss er sich selbst überlassen. Auch die Austrocknung und was sonst noch für Gefahren drohen, sie sind immer Ausdruck unseres Umgangs mit der Natur.



Abb. 2: Martin Honert: Zelt, in der Installation von John Knight, Foto © Bianca Schaalburg




AS: Der Künstler spricht von einem Werk in situ, das vollständig mit seinem Ort verbunden ist, das Jahr für Jahr mit dem Wechsel der Jahreszeiten Wachstum und Rückgang erfährt und die Auswirkungen der Zeit erfahrbar macht.
Im Winter 2012-13, während der Ausstellung des Künstlers Martin Honert, wurde diese Landschaftsinstallation jedoch zeitweilig als Setting für eines seiner Exponate zur Verfügung gestellt. Wie kam es dazu, dass das Kunstwerk auf einmal zu einem Stück Vorgarten wurde?




EB: Es gab einen ziemlichen Streit, als der Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann Martin Honert zugesagt hatte, in diesem Rondell eine Skulptur zu errichten.1
Interessant ist zum einen die Frage, wieso ein „Fachmann”, der Museumsdirektor, die Konzeption des Künstlers Knight – vor allem die versprochene Dauer – aufhebt und zum anderen, wieso ein Kollege sich dazu hergibt. Die Gründe sind psychosozialer Natur. Es geht um Ränge, Unachtsamkeit, Unsensibilität, Macht et cetera. Auch dieser Prozess ist von Knight provoziert, indem er einen zentralen Ort für seine Wildnis beansprucht. Einen Ort, der von anderen auch gewollt wird, aber besetzt ist. Und zwar besetzt durch etwas „Minderwertiges”, nicht durch eine glanzvolle Skulptur etwa.



AS: Das Museum hat in diesem Moment dem Werk seinen Wert abgesprochen und so die Frage nach dem Kunstwerk im Generellen gestellt. Knights Kritik an gewinnmaximierenden (Kunst-)Betrieben erfährt durch jenen Vorfall schmerzlich ihre Bestätigung.
Lafargues Manifest kritisierte damals die absolut profitorientierte Arbeit und argumentiert stattdessen für die Faulheit, ohne die es weder Ideen noch Kultur gäbe. 140 Jahre später gilt die Kritik nicht mehr der industrialisierten, maschinellen Fabrikarbeit. Was verspricht uns die Faulheit heute, worin liegt ihr Potential?



EB: Die „Faulheit” im Werk von Knight ist eine kontemplative Produktivität. Alles verändert sich und ist in diesem Sinne nicht faul, sondern im Gegenteil: Die Pflanzen wachsen, verwandeln Licht und produzieren Sauerstoff. Es fordert die Suche nach maßvollen Produktionen – gegen die maßlose Verschwendung und Hektik profitabler Prozesse. Was Knight meint, ist der durchdachte Entschluss: das Recht zur Faulheit. Wie etwa Mönche sich zur Kontemplation im Rahmen einer spirituellen Tradition entschließen. Faulheit ist nicht im negativen Sinne gedacht, wie er bei uns als Gegensatz von Fleiß verbreitet ist.



AS: Ja, den Eindruck habe ich auch gewonnen. Während Faulheit und Nichtstun eigentlich Gesten der Verweigerung sind, die eine Passivität bis hin zur Negation vorschlagen, wirkt das Werk von Knight mehr wie ein Appell, die Dinge wachsen zu lassen und den Verlauf der Zeit bewusst wahrzunehmen.
Die rundgeschnittenen Buchsbäume und der Rest des angelegten Gartens wurden ihrem eigenen Wesen entfremdet. Knight gibt der Natur die Freiheit zurück und appelliert an den Menschen, sich von der Herrschaft des Kapitalismus zu befreien. Zugleich stellt sich hier aber auch die Frage nach dem Privileg der Faulheit – wer kann sich Faulheit leisten?
Aktuell haben es viele Menschen aufgrund der Pandemie mit verschiedenen Formen der Entschleunigung bis hin zu einem erzwungenen Stillstand zu tun. Es findet gewissermaßen ein Paradigmenwechsel statt. Das ungestüme Wachsen, der Hauch von Nachlässigkeit, scheint mir im Kontext aktueller Entwicklungen kein Gegner oder Dorn mehr im Auge zu sein, sondern vielmehr den Zustand eines Großteils unserer Gesellschaft widerzuspiegeln. Verliert das Werk dadurch sein provokantes, kritisches Potential?



EB: Die Verbreitung eines Virus binnen „Stunden” in der gesamten Welt hat eine neue Qualität. Der erzwungene Stillstand ist keine Errungenschaft dieser Gesellschaft, vielmehr ein Symptom oder die Antwort einer maßlos gewordenen, globalen Mobilität, die es jedem gestattet, mittels Billigflügen an die entlegensten Orte zu gelangen, ohne irgendein Ziel, außer sich zu bewegen. Es fehlt das innere Ziel. Die meisten fliegen leer hin und kommen leer zurück, verändern aber dabei die Menschen und ihre Gewohnheiten, die Ökonomie, die Landschaft und mobilisieren Mikroorganismen, die Jahrtausende einen festen Platz hatten oder nur regional unterwegs waren. Die erzwungene Pause des Kunstbetriebs könnte zu einer grundsätzlichen Kritik führen, die sich wieder auf den Begriff der Qualität besinnt und damit zum Rückbau maßloser Ansprüche entschließen könnte. Innehalten heißt immer Zeit für Kritik, für Alternativen, für neue Entwürfe.



AS: Die Biographie des Werks The Right to be Lazy zeigt uns, wie Faulheit ihr Potenzial immer im Kontext der Zeit entfaltet, in der Gegenüberstellung zum System, in dem sie praktiziert wird. Gerade jetzt führt uns Knights Installation vor Augen, dass Prozesse und Veränderung ohnehin stattfinden. Alles treibt, wächst und schreitet auch ohne unser Zutun voran. Das Nichtstun ist dabei entweder ein Privileg, eine Provokation oder aber unausweichlich. Es bleibt die Frage: Wer hat das Recht auf Faulheit?
Ich denke, diese Frage kann immer wieder neu gestellt werden und ihre Antworten werden je nach Blickwinkel und Grad der Differenzierung unterschiedlich ausfallen. Knights Kunstwerk lädt dazu ein, die eigene politische, philosophische oder ethische Haltung zu reflektieren, abzugleichen und möglicherweise neu aufzulegen. Voraussetzung ist jedoch eine Offenheit für Neues und die Bereitschaft, Altbekanntes aufzugeben.


Eugen Blume ist als Kurator und Kunsthistoriker tätig. Er war von 2001 bis 2016 Leiter des Hamburger Bahnhofs – Museum für Gegenwart – Berlin.

Ananda Siml studierte westliche und östliche Philosophie sowie Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Ihr Interesse gilt der Schnittstelle zwischen Philosophie und Kunst, der Bildwerdung von existentiellen Fragen.



1 Dazu Helmut Draxler, „Das Recht auf Anerkennung, Helmut Draxler zur Demontage eines Werks von John Knight im Hamburger Bahnhof, Berlin”, in: Texte zu Kunst, 25.03.2013 (https://www.textezurkunst.de/articles/draxler-hamburger-bahnhof-knight/).


Journal der Freien Universität Berlin
Berlin 2020